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January 28 2012

21:52

Des Lebens Lauf im Westbahnhof

laufdeslebens1
Ein Mann. Eine Frau.
Die Frau links. Der Mann rechts.
Dazwischen eine strichlierte Linie.

 

laufdeslebens2
Die strichlierte Linie nutzte nichts.
Nachwuchs.

 

laufdeslebens3

 

Die Reise zum Alter hat begonnen.

 

laufdeslebens4
Einige mal hinauf,
einige mal hinunter und schließlich
exit.

 

 

Am Westbahnhof ist das Exit glücklicherweise nur das WC. Dort angekommen seh ich eine kleine Menschenschlange vor dem Münzautomaten zur WC-Benutzung stehen. Jemand in Arbeitskleidung müht sich am Automaten ab. Die Wartenden wirken nicht glücklich.

Mir fällt ein, dass am anderen Ende, beim Ausgang zur inneren Mariahilferstraße früher eine alte WC-Anlage gewesen ist. Auf dem Weg hin kommen mir Polizisten mit Schutzschildern entgegen, doch die Anlage besteht noch, ohne Münzautomat, mit Zigarette rauchender Klofrau, Kronenzeitung lesend. Ich dürfte glücklich gewirkt haben.

January 06 2012

11:07

Einschlägige Rathauslektüre

In Besprechungen – Berichte und Rezensionen aus den Büchereien Wien Heft 1 Herbst/Winter 2011 (bislang  nur als Heft im Haptik-Modus in den Zweigstellen der Wiener Büchereien erhältlich) wird über die  RealLife-Eröffnung der Wiener Virtuellbücherei berichtet.

Eröffnungen aller Art – das sind bekanntlich Chefsachen, bei denen zuständige Stadträtinnen oder andere Obige antanzen, ergreifende Worte von sich geben und symbolisch das zu Eröffnende irgendwie in Gebrauch nehmen bzw. das Angebot erstnutzen. So hatte bei der Eröffnung der neuen Hauptbücherei der Bürgermeister eine riesige Lesekarte überreicht bekommen, ein Buch selbstverbuchungsautomatisch entlehnt und am nächsten Tag durch einen Amtsdiener zurückbringen lassen.

Fototermin mit  tR. Christian Oxonitsch zum Thema Erstentlehnung der Digitalen BüchereiBei der Eröffnung der Virtuellen Bücherei unterwarf sich diesmal der zuständige Stadtrat dem Ritual – die Wahl des Titel dürfte sich aus dem Arbeitsumfeld ableiten lassen:

Die Erstentlehnung tätigte Stadtrat Christian Oxonitsch, indem er sich Henning Mankells Wallander-Krimi Der Feind im Schatten auf seinen Laptop downloadete.

Der amtsdienende Rückgabeakt konnte diesmal entfallen, weil das E-Book nach zwei Wochen eh von selbst unbrauchbar wird.

Bildquelle

January 03 2012

21:14

Das Ende einer Leihbibliothek durch ergreifendste Sensations-Novellen

boernsteincoverkl„Leichter ging es mir mit der Gründung einer deutschen Leihbibliothek in Paris, die ich auch unternahm und durchführte. In ein Lesekabinet muß man selbst gehen, um die Zeitungen zu lesen, aber die Bücher einer Leihbibliothek umzuwechseln, kann durch dienstbare Geister besorgt werden, und daher ist die Lage der Lokalität nicht so sehr von Wichtigkeit.“
„Diese erste deutsche Leihibliothek in Paris bestand aus ungefähr 10.000 Bänden, die ich nach sorgsamer Auswahl mir in Leipzig hatte zusammenstellen lassen; – die Hälfte davon waren Romane und Henry_BoernsteinklUnterhaltungslekture, die andere Hälfte bestand aus unseren deutschen Klassikern und aus populärwissenschaftlichen Werken, Reisebeschreibungen u. d. m. Das Unternehmen in der Rue Jean Jacques Rousseau No. 8 eröffnet, gegenüber dem Hauptpostamte, also am centralsten Punkte der Weltstadt, fand eine sehr günstige Aufnahme und zahlreiche Abonnenten, und ein gewähltes Publikum, darunter sogar mehrere Franzosen, benützte fleißig die Leihbibliothek, die wirklich einem lang gefühlten Bedürfnisse der Deutschen in Paris entsprach. Ich führte diese Leihbibliothek mit steigendem Glücke bis zur Februar-Revolution fort, dann hatten die Leute andere Dinge im Kopf, als Romane zu lesen; denn sie erlebten ja alle Tage die spannendsten und ergreifendsten Sensations-Novellen, und als ich 1849 Paris verließ und sich in damaliger, aufgeregter Zeit kein Käufer für die Bücher gefunden hatte, nahm ich sie, wie so viele andere überflüssige Dinge, nach Amerika mit ….“

Heinrich Börnstein: Fünfundsiebzig Jahre in der Alten und Neuen Welt. Memoiren eines Unbedeutenden S. 345f (Wien-Bibliothek)

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Zu Börnstein und “das” Pariser Vorwärts! siehe: “Ein ganz besonderes Blatt!”

December 28 2011

14:20

Klassenkampf, Destillierapparat und Nasszuckerung – Ludwig Gall, erster deutscher Socialist

Ludwig Lampert Gall, geboren am 28. Dezember, entweder 1790, 1791 oder 1794 (wie er selbst indirekt behauptet), wird gelegentlich als erster deutscher Sozialist genannt.
Da er heute möglicherweise seinen 220. Geburtstag hat (oder 221. bzw.- 217.), ein paar aus verschiedenen Quellen abgekupferte Zeilen zu ihm:
Gall ist im Unterschied zu den späteren deutschen Sozialismusvätern wie Moses Hess und den Marxengels nicht vom philosophisch oder politisch erarbeiteten Standpunkt zur Entwicklung seines sozialistischen Systems gekommen.

Ihn führte das soziale Elend der napoleonischen Kriege, die Missernte von 1810 und die Wirtschaftskrise zur Betrachtung und Untersuchung der gesellschaftlichen und ökonomischen Zustände. Galls Bedeutung beruht darin, dass er den klassenmäßigen Gegensatz in der Gesellschaft erkannt und als erster den Begriff des arbeitslosen Einkommens formuliert hat. Seine Gedanken über Erziehung sind späteren sozialistischen Ideen benachbart. Sein Hauptwerk wurde von Goethe rezensiert und ist nicht ohne Einfluss auf den Dichter geblieben. Manche Gedankengänge Goethes, namentlich in Wilhelm Meisters Wanderjahren, darf man auf Gall zurückführen.
So bedeutungsvoll uns heute die Gestalt Galls erscheint, auf seine Zeit und ihre politische Bewegung hat er keinen wesentlichen Einfluss geübt.

Fritz Brügel und Benedikt Kautsky in der Einleitung zu “Der deutsche Sozialismus von Ludwig Gall bis Karl Marx” (1931).(gekürzt und paraphrasiert)

Anläßlich seines heutigen Geburtstages muss man feststellen, dass sein Einfluss auf die politische Bewegung gar nicht so gering gewesen sein kann, dass sie nicht immer noch höher als Galls heutige Wahrnehmung ist.
In dem genannten Werk wird ein Aufsatz von Hermann Püttmann aus dem “Deutschen Bürgerbuch für 1846″ abgedruckt, in der bereits von Gall als einem geschrieben wird, der in Vergessenheit zu geraten droht:

Dass der Sozialismus schon vor fünfundzwanzig Jahren einen eifrigen Vertreter in Deutschland gefunden, dürfte wenig bekannt sein. Ludwig Gall von Trier ist dieser Mann, der damals bereits sich mit der Lage der arbeitenden Klassen und ihrer Verbesserung durch gemeinschaftliches Wirken beschäftigte. Es wird darum unsern Lesern nicht unangenehm sein, etwas Näheres von diesem älteren Sozialisten zu erfahren.

Galls Sozialismus, wie er ihn selbst beschreibt, zusammengefasst:

Wohin ich auch blicken mochte, überall sah ich, daß alle Bedürfnisse des Lebens durch das Ergebnis menschlicher Arbeit befriedigt werden. Und doch sehen wir gerade die arbeitenden Klassen Mangel leiden an allem dem, was sie doch selbst hervorbringen; und umgekehrt, die nicht arbeitenden, aber geldreichen Klassen im Besitz eines Überflusses an allen denjenigen Dingen, die durch Arbeit hervorgebracht werde.

Das Verständnis der Gesellschaft als Klassengesellschaft war damals, 1835, noch nicht common sense und begann sich gerade erst in die Schriften sozialkritischer Autoren hinein zu bewegen. Es lag zwar in der Luft, doch war Gall möglicherweise der erste, der den Gedanken so formulierte, insbesondere weil er bereits in der Broschüre “Was könnte helfen?” aus dem Jahr 1825 im Wesentlichen zu den gleichen Erkenntnissen gekommen war.

Interessant ist folgender Absatz (aus 1835), bei dem einen wie von ungefähr Marxens “Fetisch” im ersten Kapitel des Kapitals einfallen mag, bei aller Unterschiedlichkeit in der Zuordnung:

Durch die Art, wie das Geld von seinen Besitzern gehandhabt, wird es also zu einem Talisman, um sich, ohne zu arbeiten, in den Besitz der meisten und wertvollsten Produkte der Arbeit zu setzen; die Arbeitenden sich dienstbar, zu jedem Preise dienstbar zu machen.

“Woher die Erscheinung, dass die arbeitenden Klassen mit immer steigendem, längst kaum zu ertragendem Elend kämpfen?” fragt Gall weiter – seine Antwort ist auch heute noch bemerkenswert:

Die Quelle alles Übels liegt einzig darin, dass Millionen nichts haben als ihre Arbeitsfähigkeit, und dass der Wert dieser letzteren durch die Maschinenkräfte bestimmt wird; darin, dass der arbeitende Mensch sich mit demselben Preise begnügen muss, wofür eine Maschine seine Arbeit liefern kann.
So die Ursache des Elends der benachteiligten Klassen bis zur Quelle verfolgend, fand ich sie in der Wertlosigkeit der menschlichen Arbeit im Verhältnis zu dem Alles beherrschenden Geldes.

Die Geldprivilegierten und die arbeitenden Klassen stehen sich, durch einander widerstrebende Interessen scharf geschieden, feindlich gegenüber; die Lage der Ersteren verbessert sich in demselben Verhältnis, als jene der Letzteren sich immer mehr verschlimmert, kümmerlicher, elender wird.

Diese im Grunde auch heute noch gültigen Sätze finden sich in einer Broschüre, die den in diesem Zusammenhang den doch etwas überraschenden Titel trägt:

“Beleuchtung der Förster’schen sogenannten Kritik der gerühmtesten Destillirgeräthe: nebst Vorschlägen zu einem Wettbrennen zwischen denjenigen Apparaten, welche darauf Anspruch machen, die zweckmäßigsten zu seyn”. (digitalisiert)

Der Titel entspricht durchaus dem Inhalt, nämlich der Darstellung einer von Gall erfundenen Destilliermethode – bis zur Seite 54. Ab da werden in einem Anhang, “Mein Wollen und mein Wirken” die oben teilweise wiedergegebenen politischen Grundsätze entwickelt und Lösungen vorgeschlagen, die in Produktions- und Güter-Assoziationen der arbeitenden Menschen (vor allem im ländlichen Bereich) gesehen werden. Allerdings ist der Abdruck dieser beiden auf den ersten Blick so gegensätzlich wirkenden Aufsätze in einer gemeinsamen Publikation nicht willkürlich gewählt, sondern, wie Rudolf Singer in “Ludwig Gall, der erste deutsche Socialist”(1894) schreibt:

Gall hoffte nämlich, durch die Verbesserung des Destillierapparats 15-20.000 Rthlr. zu sammeln und dann der “Ausführung seiner Ideen alle seine übrigen Lebenstage zu widmen”

Gemeint war damit die Finanzierung einer Kommune, in welcher Galls Ideen einer Produktions-, Vereilungs- und Wohngemeinschaft praktiziert werden sollte. Doch dazu kam es nicht.
Singer nennt als Galls Leistung, im Anschluss an Ricardo die Arbeit als Quelle allen Wertes zu verstehen und die Unterscheidung von Arbeitslohn und der Rente als arbeitsloses Einkommen zu treffen (vor den Saint-Simonisten und vor Rodbertus).

Im Moselgebiet wurde er auch noch als “Retter des Moselweins” bezeichnet, als er angesichts von Missernten,in denen der Most zu viel Säure und zu wenig Zucker enthielt, die Methode der “Nassverbesserung” oder, wie Wikipedia meint, treffender “Nasszuckerung” entwickelte. Dadurch konnten viele Winzer überleben, der Ruf des Moselweins war aber nachhaltig ruiniert. Doch das ist eine andere Geschichte.

December 23 2011

23:09

Solche Freunde des Dichters

Die Falter-Redaktion hat wieder mal Lernbedarf offenbart. Denn sich zu wundern, dass ein rassistischer Mörder Mitglied einer italienischen Faschistengruppierung ist, die sich nach Ezra Pound nennt, zeigt offenbar Defizite im Geschichtswissen. Dass Ezra Pound weniger wegen seiner Dichtkunst, sondern wegen seines rabiaten Antisemitismus und seiner Mussolini-Unterstützung als Idol italienischer Faschisten passt, sollte sich eigentlich auch bis zur Falter-Redaktion herumgesprochen haben, die, wenn man den Räsonnements ihres Chefredakteurs folgt, sowas wie der Prototyp von Qualitätsjournalismus ist. Da heißt es aber noch fleißig Geschichte lernen, vielleicht mal mit diesem Link anfangen. Und dann weiter googeln, vielleicht hierher, ehe man so eine unsägliche Notiz verfasst. Kostet nur ein paar Minuten und eine Peinlichkeit bleibt erspart.

00:19

Social Media ist nicht sozialistisch. Die Kronenzeitung auch nicht.

Wird der Kanzler bald selbst twittern, Frau Feigl?

fragte der letzte Falter des Jahres.
Die Antwort hat gute Chancen, bei den Sprüchen des Jahres mitzumischen:

Dass der Kanzler selbst twittert, ist vorerst nicht geplant. Was wir aus dem Rummel rund um Facebook außerdem gelernt haben? Dass Social Media leider nicht sozialistisch ist.

Was in der realen Welt das Aufsehen um die Tölpelhaftigkeit von “Parteisekretariat und -poster plakatieren online” war, wird in den Augen der Parteifrau also zum Rummel in so einem Netzwerk halt. Aus dem sie “außerdem” gelernt hätten (was hat wer denn noch gelernt???) , was nicht zu lernen ist, sondern nur zum Begreifen: dass auch in der Social-Media-Welt da draußen hohe Steuergeldzuwendungen nicht den gewünschten Erfolg haben müssen. Bei der Kronen-Zeitung war es seinerzeit zwar noch ein inseratengestützter Anfangserfolg gewesen, als diese den maximal mittelmäßigen Wohnungsstadtrat zum Kanzler pushte, erfolgreicher, als es einst mit der inzwischen untergegangenen Sonne Kärntens versucht worden war. Dass aber gleichzeitig der Ehemann der dann Kanzlersprecherin gewordenen Angelika Feigl in der Kronenzeitung kräftig auf die SPÖ einhieb, war Part of the Game. Es ging ja nicht um den Einsatz für eine bestimmte Politik, sondern nur für ein bestimmtes Face. Durch temporäre Unbotmäßigkeit (auch der Krone-Konkurrenz in Gestalt von Österreich-Leader Fellner, dem Schulhaberer des Kanzlers, wurde kräftig Steuergeld reingeschoben) erlitt Faymann dann aber kronenseitig kräftige Zurückstutzungen und im Kanzleramt wurde die Sprecherin ins hintere Glied geschoben, auf einen Sozialversorgungsposten sozusagen. Weil das so unhübsch klingt, nannte man es im Parteihaus wohl einen Sozial-Medien-Versorgungs-Posten. Möglicherweise durch einen Hörfehler glaubte die ehemalige Sprecherin wohl, dass hier eine Aufgabe für sie warte und begann zu twittern. Eigentlich eröffnete sie für ein halbes Jahr nur einen Twitteraccount und schwieg zumeist vor sich hin.  Aber dann kam der Weltspartag, (oder war es der Staatsfeiertag?) und am Ende erschien Wernher the Facemann in all seiner ungehübschten Peinlichkeit . Doch statt mit Parteigenossen hatte er es mit Spöttern zu tun. Der Rest ist digital.

Was wir außerdem gelernt haben? Dass es für die Faymanns und Feigls ein Glück ist, dass weder Social Media noch die Welt sozialistisch sind. Und die SPÖ keine sozialistische Partei. Ist.

December 21 2011

23:18

Bibliothekar musste ins Gefängnis

Nach dem Verbot der vor und während der Revolution von 1848 entstandenen Arbeiterverbrüderungsvereine in Sachsen gründeten die Webergesellen Carl Gottlob Stöckl und Friedrich Hasselhuhn um 1850/51 in Glauchau eine “Erholungsgesellschaft”, um unter dieser legalen Vereinsbezeichnung die verbotene Tätigkeit der Arbeiterverbrüderung illegal weiterzuführen. Vermutlich verbarg sich hinter dieser “Erholungsgesellschaft” eine Gemeinde des in den letzten Zügen liegenden Kommunistischen Bundes.
Am 18. Juni 1851 fand bei Gottlieb Stöckl eine Hausdurchsuchung statt, die offenbar belastendes Material gefunden hat. Denn in einem Prozess in Glauchau wurden Stöckl und die weiteren Mitglieder des ehemaligen Bezirkskomitees der Arbeiterverbrüderung – die Webergesellen Bernhard Herden aus Langenbielau, Christian Zimmermann und Ludwig Fritzsche – sowie der Bibliothekar der Erholungsgesellschaft Adrian Heller zu drei- bis vierzehntägigen Gefängnisstrafen verurteilt; Herden und Zimmermann wurden aus Sachsen ausgewiesen. Die Erholungsgesellschaft bestand bis mindestens Ende 1851.

Quelle: Herwig Förder: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Bd. 2 S. 756f.

December 19 2011

00:17

Ideen auf dem Markt (2)

Wie im vorigen Artikel, Ideen auf dem Markt, berichtet wurde, sind die “Idea-Stores” nunmehr als geistiges Strandgut auch an die Stadt an der Donau angeschwemmt worden und sollen einer teilamputierten Bücherei als Konzept übergestülpt werden. Mit dieser dankbaren Aufgabe ist die Leiterin dieser Bücherei beauftragt worden, was mangels eines generellen Konzepts für die Wiener Büchereien zwar einen Ritt über den Bodensee darstellen würde, aber heutzutage eher durch einen Flug nach London und retour zu bewerkstelligen ist. Dort sollte sie die Idea Stores vor Ort studieren, konzeptionell für die Bücherei Schuhmeierplatz adaptieren und kommenden Dienstag in der Jahresendversammlung der Wiener BibliothekarInnen präsentieren.
Die bauliche Substanz der Londoner und der Ottakringer Einrichtungen wurde im vorigen Artikel gezeigt. Aber auch der Vergleich der räumlichen Bedingungen im Inneren ist ein Bild wert:


Und schließlich scheint auch die Benutzbarkeitsdauer eine gewisse Rolle für den Erfolg zu spielen. Bei der Darstellung der Öffnungszeiten konnten jene der Ottakringer Bücherei platzsparenderweise in die Anzeigetafel der Londoner eingepasst werden:

Man sieht, die Voraussetzungen für die Verpflanzung von Idea-Stores-Ideen ins schöne Ottakring sind nahezu ideal.

Was kann also von den Idea-Stores-Ideen in Wien gelernt werden?

Beispiel regionale Vernetzung mit anderen Einrichtungen. Eine solche gibt es seit Anfang der 80er-Jahre in der Siedlungsbücherei Am Schöpfwerk. Die vor Ort wirkenden sozialen, kulturellen Einrichtungen hatten sich zu einem Regionalteam zusammengeschlossen, welches rasch und unbürokratisch bei der Bewältigung der erheblichen sozialen Probleme in der neu erbauten Siedlung am Stadtrand reagieren konnte. Die Bücherei fungierte sozusagen als neutraler Boden und diente unter anderem als Informationsrelais, als Veranstaltungsort für Bürgerversammlungen. Nach zehn erfolgreichen Jahren wurde diese Zusammenarbeit mit dem Antritt eines neuen Büchereileiters gekappt. Nach dem Schöpfwerker Modell hatte sich auch in einem anderen Bezirk, in Margareten, eine solche Regionalplattform gebildet, in der die Bücherei ebenfalls sehr aktiv und erfolgreich tätig war. Nach einigen Jahren erfolgte durch einen Wechsel in der Büchereileitung und durch Personalreduktion ein Rückzug aus dieser bis dahin sehr erfolgreichen Gemeinwesenarbeit.

Beispiel Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen. In der Margaretner Bücherei gab es den Versuch, mit der nahe gelegenen Volkshochschule zusammenzuarbeiten. Wurde von dieser aber nicht goutiert, da diese in der Bücherei eine Konkurrenz zum VHS-eigenen Buchladen und Skriptenverkauf sah.
Weiters gibt es einige Büchereien, die mit einer Volkshochschule im selben Gebäude logieren. Von einer Zusammenarbeit ist nichts bekannt. In der neuen Simmeringer Bücherei ist allerdings eine solche geplant. Angesichts der personalen Unterbesetzung dort sind die Erwartungshaltungen in dieser Hinsicht aber gering.

Beispiel attraktives Gebäude mit großem Medienangebot. Findet man in Wien in der 2003 neu gebauten Hauptbücherei. Errichtet an der Grenze zwischen “feineren” Innenbezirken und den erheblich weniger feinen Außenbezirken, hat sie einen großen Anteil an der Revitalisierung des Gürtelbereichs, ist Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten mit einem hohen Anteil an jugendlichen MigrantInnen, nicht zuletzt wegen der frei zugänglichen “Computergalerie”. Es gibt zahlreiche Bildungs- und Fortbildungsangebote und andere Initiativen, welche entsprechend den Bedürfnissen und den Anforderungen immer wieder adaptiert werden. Das ehrgeizige und qualitativ hochwertige Veranstaltungsprogramm hat die Gürtelbücherei innerhalb weniger Jahre zu einem der wichtigsten Kulturangebote werden lassen.

Auch für andere Aktivitäten der Idea-Stores lassen sich entsprechende, in Wien bereits verwirklichte, Beispiele finden. Dass manches wieder eingestellt wurde, liegt einerseits am weitgehenden Desinteresse des den Büchereien überstülpten Beamtenapparats, was jede nicht ausdrücklich von oben anbefohlene Initiative als Luxus erscheinen läßt, und andererseits an den zwei wesentlichen Dingen: Geld und Personal. Also eigentlich nur an einem: Das lächerlich geringe Budget für die Wiener Büchereien. Da laufen sich Engagement und Ideen früher oder später tot. Verschärft wird diese Situation durch eine Leitung, die sich nur noch als Befehlsempfänger und -weitergeber verstehen darf und von der das ruhig Halten der Belegschaft und politisch gut verkaufbare Büchereiperformance verlangt werden. Und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich öffentlich zum Tölpel zu machen, indem Vorgaben der politischen Ebene (was in Wien die Parteisekretariate der SPÖ bedeutet) wie die Öffnungszeitenreduzierung der Ottakringer Bücherei zugunsten von Parteieinrichtungen als bibliothekarische Entscheidungen verteidigt und mit Mascherl wie “Idea Stores” behübscht werden.

Womit wir wieder beim Thema sind, das wir nie verlassen haben.

00:16

Ideen auf dem Markt

Wie bereits mehrfach berichtet, wurden der sehr gut frequentierten Bücherei im Herzen Ottakrings im letzten Sommer Hals über Kopf  die Öffnungszeiten halbiert. Anfangs hieß es, dass diese Maßnahme wegen Entspannung der Personalsituation  gesetzt worden sei und es ohnehin leicht erreichbare Büchereien in der Nähe gebe; dann wurde behauptet, dass die Verminderung des Angebots der Leseförderung diene und schließlich erwuchs aus der Teil-Schließung ein “Pilotprojekt”: “Idea Store” heißt das neue Wort, welches seit anfang der Nuller-Jahre etliche Zeit als Running Hype in der nach griffigen Projekten gierenden Bibliothekengemeinde herum gereicht wurde.

Hier einige Beschreibungen und Eindrücke zu den Idea-Stores:

Infobib » Idea-Stores

Die „Idea Stores“ gelten als bislang ehrgeizigster Versuch in Großbritannien, mit kulturellem Engagement den Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und Gewalt aufzunehmen. Und die „Idea Stores“ gelten als mögliches Exportmodell –auch in deutschen Metropolen wie Berlin könnte sich das Ideenkaufhaus bewähren.

Idea Stores (Les) – Notice bibliographique | enssib

Die Idea Stores sind aus dem Wunsch heraus entstanden, Bibliothek und Weiterbildungszentrum in einem Londoner Stadtteil, dessen kontrastreiche Bevölkerung diese Orte wenig besuchte, zusammenzulegen. Dank einer Strategie zur Rückeroberung der Besucher, die in einer Suche der besten Standorte, architektonisch ansprechender Auswahl und einem breiten Öffnungsausmaß, in kulanten Vorschriften – Geräusche und Verzehr von Getränken und Nahrung sind gestattet -, in dem Wunsch, alle Gruppen zu empfangen und in der Vermehrung der Dienstleistungen und angebotenen Aktivitäten zum Ausdruck kommt, sind sie auf einen sofortigen und beeindruckenden Erfolg gestoßen.

citydidactics

Die “Idea-stores” sind ein großartiges Konzept aus London! Sie sind eine Mischung aus Bibliothek und Gemeindezentrum. Sie bieten Bildung nicht nur in Form von Büchern, sondern auch Fortbildungen, Aktivitäten, Kurse für die Anwohner und für jedes Alter an. Errichtet und entwickelt wurde das Konzept für soziale Brennpunkte und es soll besonders Bürger mit migrantischen Hintergrund ansprechen und ihnen eine Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen. Die vier idea-stores, die es bisher gibt, sind von vier verschiedenen Architekten entworfen worden.

… und jede Menge Bibliotheken | LIS TRAVELER

Die sogenannten Idea Stores existieren erst seit wenigen Jahren: Der erste Store wurde 2002 eröffnet, mittlerweile gibt es vier Einrichtungen dieser Art. Grundidee des vor rund 10 Jahren vorgelegten Konzepts war es, traditionelle Bibliotheksdienstleistungen aufzugreifen sowie zu modernisieren („library renewal“) und diese mit lebenslangem Lernen („lifelong learning“) und einer ausgeprägten Arbeit in den lokalen Communities („community renewal“) zu verbinden.

Idea Stores aus der Nähe : MBI Blog

Mein erster Eindruck verblüffte mich ein wenig – Canary Wharf ist ein Büroviertel, ausschließlich aus Glasfassaden hochgezogener Bürotürme bestehend. Was tut also eine öffentliche Bibliothek hier? Inmitten dieses fast schon surrealen Ambientes (im unterirdischen Bereich dieses Viertels wimmelte es nur so von grauen und schwarzen Anzügen, es waren Tausende.

Die Bibliothek gefiel auf den ersten Blick: sehr modern, sehr transparent. Rund 1/3 der Gesamtfläche war Internet-Arbeitsplätzen gewidmet, ich zählte rund 40 Geräte. Interessant war auch, wer dort Platz genommen hatte: die Grau- und Schwarzanzüge. Bei meinem Rundgang durch die Bibliothek fand ich dann doch noch eine zweit Gruppe vor – Mütter mit ihren Säuglingen. Offenbar ein regelmäßiges Treffen, denn jeder schien jeden zu kennen.

Aus dem Obigen und aus zahlreichen übers Googeln abfragbaren Quellen lassen sich für das Gelingen dieses Büchereikonzept folgende Voraussetzungen ausmachen:

  • Großes, geräumige Gebäude mit beeindruckender Architektur;
  • Umfangreiches und attraktives Medienangebot für die zu erwartenden BenutzerInnen;
  • Großzügige Öffnungszeiten, möglichst rund um die Uhr;
  • Keine künstlichen Hemmschwellen und sehr lockere Benutzungsordnung;
  • Ein ausreichend vorhandenes und “open minded” Personal, mit hoher sozialer Kompetenz und Belastbarkeit;
  • Vernetzung mit regionalen und überregionalen Einrichtungen;
  • Jederzeit adaptierbare Bildungsangebote vor Ort;
  • Hochwertiges und auf die vielfältigen Erwartungen angepasstes Veranstaltungsprogramm;
  • Die Bereitschaft, auf neue oder neu erkannte Bedürfnisse flexibel zu reagieren;
  • Entsprechend hohes Budget.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann wird wohl jede Bücherei in jedem Stadtteil jeder Stadt der Welt ein Erfolg. Egal welches ideologische Konzept dahinter steht. Beim “Ideas-Stores-Konzept” sind in diesem Zusammenhang eindeutig  kommodifizierende Transformationsschritte auszumachen, wie:

  • die Mischfinanzierung durch Öffentliche Gelder und private Sponsoren (Handelsketten);
  • Prekäre Anstellungsverhältnisse (nur Jahresverträge);
  • Verzicht auf bibliothekarische Kompetenz zugunsten “sozialer” ;
  • “Markenname” Idea-Stores statt Public Library aus Marketinggründen;

Wenn man die Ideologie beiseite läßt, dann bleibt aus all dem eine ambitionierte Bücherei übrig, wie es sie in der ganzen Welt in den Ländern mit hochentwickelten Büchereisystemen gibt. Das ist immerhin einiges wert. Allerdings scheinen die ideologischen Elemente nicht nur Beiwerk zu sein, sondern dürften für eine geänderte Haltung zum öffentlichen Büchereiwesen stehen, wie für die Tony-Blair-Jahre nicht untypisch. So ist eine Mischfinanzierung in einem Land, dessen Büchereien bislang vollständig durch Öffentliche Gelder finanziert wurden, ein Einbruch marktorientierter Interessenslagen. Über die Ökonomisierung von Bildungseinrichtungen gibt es inzwischen eine recht zahlreiche (kritische) Literatur.  Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass sich die Privaten bei schlechterer Wirtschaftslage wieder zurückziehen. Ironischerweise ist in Großbritannien die Finanzierung weniger durch die Privaten gefährdet, sondern durch die Ausrichtung der Olympiade durch Großbritannien, was die Öffentlichen Kassen leer räumt. Ganz zu schweigen von der inzwischen hereingebrochenen Finanzkrise. Dass prekäre Arbeitsverhältnisse schlecht zu Tätigkeiten im Öffentlichen Auftrag passen,  ist das eine. Dass sie immer mehr auch im Öffentlichen Dienst eine Rolle spielen, das andere, wie zuletzt hier zu lesen war. Aber auch hier. Der Verzicht auf bibliothekarische Kompetenz hat inzwischen zu Beschwerden der BenutzerInnen geführt, die Auskunft über die von ihnen gesuchte Literatur wollen und keine Animation. Hier soll in einigen “Idea-Stores” bereits reagiert worden sein und BibliothekarInnen wieder eine Anstellungschance bekommen. Das Orientieren auf den “Markennamen” irritierte viele BenutzerInnen, die nach wie vor in eine Bibliothek gehen wollen und nicht in einen verwechselbaren “Store”. Ideas hin oder her.

Abschließend zwei Absätze aus einem Aufsatz, in dem der Frage nachgegangen wurde, wie sich die “Idea-Stores” heute präsentieren. Als Fazit ist daraus zu entnehmen, dass es weiterhin gute Büchereien sind, aber einiges von den hohen Erwartungen zurückgenommen werden musste. Und dass die propagierte Leitidee der Herstellung von Chancengleichheit durch dieses Büchereikonzept heute, angesichts der veränderten politisch-sozialen und ökonomischen Verhältnisse, eigentümlich antiquiert wirkt:

“… the Idea Stores represent a moment where the market and the state seemed able to work together to regenerate, in a flush of growth, the impoverished inner cities. The architecture of the Idea Stores fused the civic and the commercial, but their imitators are almost all in the commercial rather than the public sector.”
“Architecture doesn’t, alone, solve social problems – and the idea that a façade can be ‘egalitarian’ shows a confusion between form and content. But the visual language of public buildings is an important statement of the value that the state places in a community.”

Doch nun zurück an den Anfang. Eine Kollegin wurde also nach London geschickt, um aus der Fülle der Idea-Stores-Ideen zu schöpfen und für Ottakringer Verhältnisse zu adaptieren.
Um die Größenverhältnisse nicht aus den Augen zu verlieren, hier eine Bildmontage von London und Ottakring:

Dieses Bild wollen wir bei der Fortsetzung, Ideen auf dem Markt (2), im Auge behalten.

December 16 2011

00:52

Wenn das Prekariat in den Büchereien tanzt

nach acht guten und spannenden Jahren bei den Büchereien Wien verabschiede ich mich mit Ende Februar … Ich möchte mich bei euch/Ihnen allen sehr sehr herzlich für die großartige Zusammenarbeit der letzten Jahre bedanken, und habe mir fest vorgenommen, den Veranstaltungen der Büchereien zumindest als Besucherin treuzubleiben…

schrieb Anfang des Jahres eine Kollegin, die vom Bibliothekarischen Leiter der Büchereien mehr oder weniger sanft hinausgebissen worden war.  Glücklicherweise arbeitete gerade eine sehr fähige Praktikantin in der Hauptbücherei, die auch auf Grund ihrer bisherigen Berufserfahrung für den Bereich Veranstaltungen und Öffentlichkeits eine optimale Nachfolgerin war.

Und tatsächlich erfolgte die Mitteilung, dass diese neue Kollegin, die auch in der MitarbeiterInnenzeitung entsprechend vorgestellt wurde, die Agenden der gekündigt habenden Mitarbeiterin übernommen habe. Wunderbar.

Nun erfahren die Büchereibedienseteten, dass diese Mitarbeiterin nach zehnmonatiger Tätigkeit für zwei Monate pausieren müsse, da sie nur als “Hilfskraft” eingestellt sei und für diese es bekanntlich eine solche Zwangspause gibt.
Womit nun offiziell ist, dass für die Wiener Büchereien die Aufgabenstellung “Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen” partiell   Hilfskraftstatus hat. Was die finanzielle und arbeitsrechtliche Einstufung betrifft. Die geforderte Leistung ist natürlich eine hochwertige und ist auch erbracht worden. In nächster Zeit aber eben nicht, wie das Referat Veranstaltungen/Öffentlichkeitsarbeit mitteilt:

ich bitte euch daher, alle mails ab ende dezember bis anfang märz nur mehr an mich zu schicken, da nur mehr ich da sein werde.
bitte euch bei der gelegenheit auch gleich um geduld, da ich mit sicherheit alles nicht in der von euch gewohnten zeit schaffen werde können.

Was eine Frage aufwirft, welche ein sozialdemokratischer Personalstadtrat in einer anderen, aber letzlich vergleichbaren Situation dereinst tatsächlich gefragt hatte:

“Wenn die Arbeit in den Büchereien auch von [niedriger Eingestuften] geschafft wird, dann werden wir halt alle … runterstufen!”

Also: Wer in den Büchereien tanzt als nächster den Prekariatstanz?

December 05 2011

21:18

Der kommunistische Agitator, ein neu gewonnener Kommunist und der Kanonenredakteur

Heute geriet ich durch die Schließzeit der Bibliothek quasi in einen Cliffhanger. Ich war bei meiner Lektüre ungefähr bei diesen Inhalten angekommen:

… wir sprachen über die Zeitfragen, und er schied von mir als allereifrigster Kommunist.

schrieb der Eine in einem Brief. Der frisch zum Kommunisten gewordene Andere besuchte wenige Tage danach einen gerade zum Chefredakteur Gekürten, von dem an diesem Tag ein Artikel erschienen war, in dem es u.a. hieß:

Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der praktische Versuch, sondern die theoretische Ausführung der kommunistischen Ideen die eigentliche Gefahr bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie gefährlich werden,

Als der Jungkommunist, nichts ahnend von diesem Artikel, dem Redakteur von seinen revolutionären Plänen erzählte, holte er sich eine unglaublich kalte Schulter.

Die Frage lautet nun natürlich: Bleibt der junge Kommunist weiter ein solcher? Wird der Redakteur auch in Zukunft mit Kanonen auf Massen schießen wollen, wenn sie praktische kommunistische Versuche anstellen? Wird der eingangs erwähnte kommunistische Agitator weiterhin erfolgreich sein? Und wie geht die Geschichte weiter?

Für Neugierige gibt es Schlagwörter, die dann einfach zuzuteilen sind  ;-)

December 03 2011

10:42

Schach der Sonntagsdepression: Nationalbibliothek in Wien wird auch sonntags geöffnet haben

Erfreuliches ist über die Pläne der Nationalbibliothek zu lesen:

Im Mai 2012 soll ein neuer Forschungslesesaal eröffnet werden. Zeitgleich werden auch die Öffnungszeiten auf Sonntag ausgeweitet.


Wäre ein schöne Anlass, wenn da andere große Bibliotheken nachziehen würden.
Auch die anderen Aktivitäten der Nationabibliothek sind beachtenswert:

im Herbst 2014 will die Rachinger im Hofkammerarchiv in der Johannesgasse ein Literaturmuseum eröffnen.

Da die ÖNB-Chefin ihr Haus vor allem als Service- und Dienstleistungsstelle versteht, sind ihr die Revitalisierung des Palais Mollard in der Herrengasse, die Renovierung von Bildarchiv und Grafiksammlung sowie die großen Lesesäle am Heldenplatz ein besonderes Anliegen.

Als Serviceeinrichtung versteht sie auch die Digitalisierung und Langzeitarchivierung der Inhalte.

Und hier etwas für die Digitalisierungsphoben:

Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Digitalisierung hat das Haus nicht mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen.

November 25 2011

12:01

daß das Eigentum nicht auf gerechter Grundlage beruhe

Sehen Sie, was bei den arbeitenden Klassen vorgeht, die heute noch, wie ich zugebe, ruhig sind. Es ist richtig, dass sie nicht im selben Grade, wie früher, durch eigentlich poltiische Leidenschaften erhitzt sind; aber

sehen Sie nicht, dass ihre Leidenschaften aus politischen soziale geworden sind?

Sehen Sie nicht, wie sich bei ihnen Ansichten und Ideen verbreiten, die nicht auf die Beseitigung eines Gesetzes, eines Ministeriums oder selbst dieser Regierung hinauslaufen, sondern vielmehr auf die Erschütterung der Grundlage unserer Gesellschaftsordnung? …

Hören Sie nicht, dass man in Arbeiterkreisen ohne Unterlass wiederholt, dass alles, was über ihnen ist, unfähig und unwürdig sei, sie zu regieren; dass das Eigentum nicht auf gerechter Grundlage beruhe?

Und glauben Sie nicht, dass, wenn solche Meinungen Wurzeln fassen, wenn sie sich ganz allgemein verbreiten, wenn sie tief in die Massen dringen, dass sie früh oder spät, ich weiss nicht wann und wie, aber dass sie sicher früh oder spät die schrecklichsten Revolutionen herbeiführen müssen?

Merken Sie – wie sage ich? – den Revolutionssturm nicht, der in der Luft liegt?

Alexis de Tocqueville in der Sitzung der Pariser Deputiertenkammer vom 29. Jänner 1848, drei Wochen vor der Pariser Februarrevolution.
(Souvenirs de Alexis de Tocqueville, publiés par le comte de Tocqueville Paris 1893. S 16. – Zit. nach Diehl, Karl: Pierre Joseph Proudhon. Seine Lehre und sein Leben. Neudruck der Ausgabe Jena 1888-1896. Aaalen Scientia Verlag 1968.

November 23 2011

01:34

November 20 2011

18:45

Kritische Bibliothekarinnen und Bibliothekare (kribibi): Es geht weiter!

In einer Klausur des Arbeitskreises kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI / www.kribibi.org) am 05.11.2011 wurde über die weitere Tätigkeit dieses seit mehr als einem Vierteljahrhundert tätigen Zusammenschlusses österreichischer BibliothekarInnen beraten und ein neues geschäftsführendes Team gewählt:

Maria Binder, Nikolaus Hamann, Ulrike Retschitzegger.

Im Herbst 2012 wird es ein weiteres Seminar (von mittlerweile mehr als fünfzig Seminaren) geben. Dessen Vorbereitung liegt in den Händen von U. Retschitzegger und N. Hamann.

Offen geblieben ist die Frage einer Verjüngung des Arbeitskreises und einer längerfristigen Perspektive:

KRIBIBI ermutigt daher Kolleginnen und Kollegen aus Öffentlichen Büchereien und Wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich mit den Zielen des Arbeitskreises identifizieren können, zur Beteiligung und Mitarbeit.

Ebenso sind Themenvorschläge für das nächste Seminar sehr willkommen!

Kontakt:
nikolaus.hamann@gmx.at
ulrike.retschitzegger@gmx.at
maria.binder@gmx.at

November 14 2011

19:57

Die Rote Wut hatte er immer: Franz-Josef Degenhardt.

Diese rote Wut, die hatte er immer,
ihren Ausbruch hat er bloß meistens vermieden.
Er ging dann rüber ins gute Zimmer
und spielte Revolutionsetüden.
Dann, in den frühen fünfziger Jahren,
als die schon wieder beim Aufrüsten waren,
an einem Samstag beim Abendgeläut,
da war es dann aber schließlich so weit:

Da hat er das schwarze Piano zerschlagen,
ist losgetrampt, durch Europa gezogen.
Hat gestohlen, gevögelt, die Laute geschlagen,
gesungen, gesoffen, geprügelt, betrogen.
Saint-Germain-des-Pres, da ist er länger geblieben.
Sartre hatte gerade den Ekel geschrieben.
Er lebte mit der Nutte Marie-Therese
und hörte sich nachts besoffen an Jazz.

Zurück im Deutschland der Naziväter
tat er das Billigste: Jura studieren.
Als Illustrierten- und Schulbuchvertreter
fand er die offenen Hausfrauentüren.
Budenzauber im Butzenscheibenstädtchen.
Mit einem der-Vater-ist-Amtsrichter-Mädchen
zog er am Samstag sogar zur Beicht,
dann durfte er manchmal – aber nur leicht.

Dann hörte er Oskar die Blechtrommel schlagen
und ließ sich den patzigen Schnauzschnorres stehen.
Fuhr oft mit gebrauchtem 2-CV-Wagen
zum Schiffbauerdamm, Brechtstücke sehen.
Er glaubte an eine Parteikarriere,
zog sofort nach der Spiegel-Affaire
als Referendar in die Landeshauptstadt,
kandidierte dort als Sozialdemokrat.

Wer hat uns verraten, wer hat uns verraten?
Es stellten sich denen, die wirklich verfügen,
mal wieder zur Verfügung Sozialdemokraten.
Die große Verfügung begann zu siegen.
Und weil er noch nicht sehr weit war gekommen,
hat er das auch sehr ernst genommen,
und er meinte, er hätte sie längst bestochen.
Doch die rote Wut kam wieder angekrochen.

Die Pauke vom Neuss hat den Auftakt geschlagen
zu den späten sechziger Jahren.
Und er sah dann hinter den Barrikaden,
wie weit die davor schon wieder mal waren:
die Schüsse auf Dutschke, Bildzeitungshetzen,
Faschistenfaust hinter Notstandsgesetzen.
Die Wut wurde klarer und kalt, wurde Haß.
Hasta la victoria siempre gilt das.

Dem, der uns hier tat aus dem Leben erzählen,
dem müßt man jetzt aber erklären,
aus der linken Ecke knurren und bellen
tat noch nie den Klassenfeind stören.
Hassen allein, das wird nicht genügen.
Der muß schon mal rauskommen,
was tun für das Siegen.
Und da gibt es auch viel,
und da fällt schon was ein.
Das muß ja nicht gleich ein Warenhaus sein.

Aber merke: Ein Warenhaus anzünden
ist immer noch besser, als sich selbst anzünden.

Tags: Politkram

November 10 2011

23:20

“und wenn wir uns täuschten, war unser Irrtum wenigstens ein erhabener” – zum 250. Geburtstag von Filippo Buonarroti

Heute wäre Filippo Buonarroti 250 Jahre alt geworden. Dass er tatsächlich 76 Jahre wurde, grenzt angesichts seines nicht unbewegten Lebens an ein Wunder. Beteiligt an der “Verschwörung der Gleichen” an der Seite Babeufs und mit diesem vor Gericht gestellt, wurde er zur Deportation verurteilt, Babeuf hingerichtet.

Viele Restaurationsjahre später, knapp vor der Französischen Julirevolution veröffentlichte er “Babeuf und die Verschwörung für die Gleichheit”. Damit brachte er die Prinzipien von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit des linken Flügels der Französischen Revolution wieder in Erinnerung und verursachte beträchtliche Aha-Erlebnisse  unter den radikalen Oppositionellen der “Julimonarchie“. Was neben anderen Umständen bekanntlich in die 1848er Revolution mündete.

Buonarroti hat so gesehen als Content-Vermittler zwischen den Generationen zweier Revolutionen fungiert. Dafür verdient er einiges Lob und die Wiedergabe der letzten Zeilen seiner Vorrede des erwähnten Buches:

Ich weiß wohl, daß die politischen und ökonomischen Grundsätze, welche ich entwickeln musste, von vielen verworfen werden; das ist kein Grund, sie nicht zu veröffentlichen; andere angebliche Irrtümer sind unbestreitbare Wahrheiten geworden. Gibt es nicht Menschen, die sich blenden lassen durch das Flittergold der zivilisierten Gesellschaft und durch die Systeme derer, die sich anmaßen, die öffentliche Meinung zu leiten? Sie werden vielleicht die Wichtigkeit dieser Grundsätze schätzen und ein wenig Bedauern empfinden in der Erinnerung an die mutigen Bürger, welche von der Gerechtigkeit dieser Grundsätze durchdrungen und stolz darauf, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um sie zu erhalten, sie schließlich mit ihrem Blut besiegelten.
Fest mit ihnen verbunden durch die Übereinstimmung unserer Gefühle, teilte ich ihre Überzeugung und ihre Anstrengungen, und wenn wir uns täuschten, war unser Irrtum wenigstens ein erhabener; sie hielten daran fest bis zum Tode, und ich, nachdem ich seither und lange Zeit darüber nachgedacht habe, ich bin überzeugt geblieben, daß diese Gleichheit, welche sie liebten, die einzige geeignete Einrichtung ist, um alle wirklichen Mängel auszugleichen, die nützlichen Neigungen zum Guten zu leiten, die gefährlichen Leidenschaften zu fesseln und der Gesellschaft eine freie, glückliche, friedliche und dauernde Form zu geben.

November 08 2011

17:36

Die Bibliothek einer Badestadt als Springquell materialistischer Geschichtsauffassung

Die Flitterwochen von Herrn Carl Marx in Bad Kreuznach 1843 waren bekanntlich geprägt von heftiger Lektüre und umfänglichen Exzerpten, die fast einen ganzen MEGA-Band füllten.  Harry Schmidtgall ist der Frage nachgegangen: “Welche Bibliothek benutzte Karl Marx für seine ‘Kreuznacher Exzerpte?’” und hat im Altbestand der Bibliothek des Kreuznacher Gymnasiums 15 Werke gefunden, die von Marx exzerpiert worden waren. Dazu bemerkt Helmut Elsner:

Die Kernfrage bleibt aber, ob Marx diese Bibliothek benutzt hat und wie sie ihm zugänglich war. Schmidtgall hat mit Hilfe zeitgenössischer Bäderführer belegt, daß eine darin enthaltene “Büchersammlung” den Badegästen (bzw. “Curfremden”) zugänglich war. Es handelt sich um die 1821 vom Kreuznacher Landrat Hout an­geregte und geforderte “Volksbibliothek*, deren Bestände überwiegend von dem Kreuznacher “Leseverein” angeschafft worden sind. Bereits ab 1842 gingen Bücher des Lesevereins in den Besitz des Gymnasiums über, der Gesamtbestand enthielt 15 von Marx exzerpierte Titel.

Elsner fragt sich weiters, ob es an solchen Beständen interessierte Kreuznacher gegeben haben könnte und vermochte zwei Einwohner auszumachen, welche radikaler Ideen verdächtig waren. Über Kontakte Marxens zu solchen und anderen möglichen Gesprächspartnern aus dem Ort ist nichts bekannt; allerdings hielt sich Bettina von Arnim einige Zeit während Marxens Aufenthalt ebenfalls dort auf. Einige Anzeichen weisen auf eine Begegnung hin. Jedenfalls sei dies, wie der Autor des Aufsatzes richtig feststellt, für die Bedeutung der “Kreuznacher Exzerpte” irrelevant, und schloss mit einem netten Bibliothekslob:

Die Badestadt konnte Marx dank der öffentlich zu­gänglichen Bibliothek mit ihren historisch-politischen Buchbeständen und der auch ausländische Zeitungen führenden Lesezimmer im Casino mindestens einen Teil des Lesestoffes bieten, mit dem er seine materialistische Geschichts­auffassung auszubilden begann.

October 29 2011

17:46

Privatisierungsdruck: ÖBB auf neuen Wegen

„Die ÖBB werden durch uns besser. Sie machen plötzlich Sachen, die sie früher niemals gemacht hätten.“ Dabei bezieht sich Wehinger [...] auch darauf, dass ÖBB-Chef Christian Kern angekündigt hat, einige Strecken künftig einzustellen.

Darauf haben alle BahnbenutzerInnen wohl schon ewig gewartet. Auch auf Aussagen wie diese:

„Zugfahren ist in Österreich viel zu günstig“, sagt der Westbahn-Chef.

Sagt wer? Sagt der ehemalige Vorstand des ÖBB-Personenverkehrs, Stefan Wehinger, der nun zusammen mit dem Bautycoon Haselsteiner ab Dezember eigene Züge auf der ÖBB-Westbahn-Strecke einsetzen wird. Er würde gerne mehr Strecken befahren, doch könne er kostenmäßig mit den ÖBB nicht konkurrieren, da diesen externe Kostensteigerungen via Staatsbudget ausgeglichen würden. Das empört Herrn W.:

Erhöhen sich beispielsweise die Energiekosten, trägt die Differenz automatisch der Steuerzahler. „Das ist eine schamlose Marktverzerrung“

Foto: Robert WasingerNicht ganz so steuerzahlerorientiert war Stefan Wehinger allerdings im Jahr 2007, als  er namens der ÖBB dem Herrn Hochegger – ja eben dem – knapp 200.000 € hinten hineinschob, weil dieser den von MitarbeiterInnen der ÖBB erfundene Bezeichnung “railjet” flugs als Markennamen registrieren und von der ÖBB wieder abkaufen ließ. Als eine Interne Revision der ÖBB diesen Vorgang offen legte, kündigte Stefan W. ein Jahr später sozusagen freiwillig, nicht ohne sich die Zeit bis zum Ende seines Vertrages abgelten zu lassen. Inzwischen hat Peter Pilz eine Strafanzeige gegen den Körberlgeldspender für Hochegger samt Sachverhaltsdarstellung erstattet, die Angelegenheit liegt bei der Staatsanwaltschaft.

„Dieses System ist ein völliger Schwachsinn“, sagte Stefan Wehinger Donnerstagabend im Rahmen eines Vortrags beim Leitbetriebe Austria Klub in Wien.

Genau genommen hat er recht. Aber anders.

Tags: Politkram

October 28 2011

19:13

Ein kommunistischer Emissär unter den Lappen

Gestern gelesen:

Seit dem Congreßschreiben haben wir aus folgenden Orten Nachricht erhalten.
1. Schweden. Von einem von hier abgeschickten Emissär welcher über Helsingoer nach Schweden gegangen war und das Land zu Fuß durchzogen hatte, erhielten wir einen Brief datirt Upsala den 23ten Mai. Derselbe hatte hier in London, da er sonst nichts besaß, sein Ränzchen mit kommunistischen Flugschriften gefüllt, u. dieselben glücklich über die Grenze nach Schweden gebracht. — Er schreibt uns, er habe in allen Städten, wo sich deutsche Arbeiter befinden, dieselben in ihren Ateliers aufgesucht, unsere Schriften unter sie vertheilt u. mit seinen Lehren großen Anklang bei ihnen gefunden. Leider konnte er, da er keine Arbeit fand, nicht lange genug an einem Orte bleiben um Gemeinden zu gründen. — In Stockholm überbrachte er der dortigen Gemeinde, (unserm kommunistischen Vorposten im Norden) die zwei ersten Schreiben der Centralbehörde u. flößten seine Nachrichten den dortigen Brüdern neuen Muth ein. — Von Stockholm ging er nach Upsala, von da nach Gävle, wo er eine Zeitlang arbeitete u. ist jetzt auf dem Wege nach Umeå u. (Turn) Torneå. Ein kommunistischer Emissär unter den Lappen! 1)

In diesem Zusammenhang ist mir auch ein Bild untergekommen, das gerade im Hinblick auf den gelegentlich betont männlichen2) Blickwinkel der kommunistischen Bundisten von Interesse sein könnte:

“Bei den Lappen nehmen Frauen wie Männer an Jagd und Fischfang teil.” Winterliche Jagdszene aus Finnmark. Drei Samen auf Skiern nehmen an der Jagd teil. Eine der drei Personen ist eine Frau. Holzschnitt von Olaus Magnus

——————–
1)
Erster Vierteljahresbericht der Leitung des Bundes der Kommunisten. London, 14. September 1847, Schreiben von Karl Schapper, Joseph Moll, Henry Bauer. In: Andréas, Bert: Gründungsdokumente des Bundes der Kommunisten Juni bis September 1847, S. 67. (1969)

2)Wer unmännlich … handelt, wird … entfernt oder ausgestoßen.” (Statutenentwurf  des ersten Kongresses des Bundes der Kommunisten, 9. Juni 1847. In Andréas, Bert, a.a.O., S. 49). Im Endgültigen Statut vom 8. Dezember 1848 war dieses männliche Handeln zwar nicht mehr vonnöten, dafür wurde aber  “Jeder Verrat mit Tod bestraft“.   (Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien 1836-1849 S. 879).

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